Rückblick: Projekt Wohnplanung

Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns für gemeinsames Wohnen samt Kind(er)-Planung entschieden haben? Es war ein langer Weg und niemand konnte mir vorher sagen, wie man das denn angehen könnte. Ich selbst habe noch nie bei einer anderen polyamoren Familie live miterlebt, wie es über die konkrete Wohn- und Familienplanung berät. Ich kratzte daher viele Informationen zusammen, wir experimentierten, und an dem Ergebnis lasse ich dich hiermit nun teilhaben.

Das, was alle geschrieben/gesagt haben, die als Familie lebten, war: viel kommunizieren. Aber was genau heißt eigentlich “viel kommunizieren”? Überall hört und liest man, dass es essentiell ist, gewaltfrei und ehrlich zu kommunizieren. Aber wer soll eigentlich nun mit wem über was reden und wem dann davon erzählen, was wer wann gesagt hat und was wem wichtig ist? All diese und noch mehr Fragen beschäftigen mich sowieso im Alltag, und noch viel mehr wenn es um Entscheidungen geht.

Chronologie eines Entscheidungsprozesses

2015

Wie fing ich an? Zuerst einmal wollte ich herausfinden, wer langfristig gesehen (die nächsten 3-20 Jahre) mit wem auf welche Art zusammen wohnen möchte. Das allein war früher eine noch meisterbare Überlegung, die nicht unbekannt war, aus den Zeiten, als wir alleine oder mit einem Partner oder in einer WG gewohnt haben. Doch das Thema Wohnen war für mich zunehmend von langfristigen finanziellen Planungen (bzw. Investitionen) abhängig und mit den Themen Kindererziehung, Elternschaft und Familienorganisation verwoben. Dies sind keine leichten Entscheidungen für Menschen, die Teil von weit verzweigten Polykülen sind.

Frühling: Ich lasse mich auf die Warteliste der Genossenschafts-Wohnanlage von Faedora und Haledron setzen. Mir gefällt die Anlage und ich kann mir vorstellen, irgendwann dort zu wohnen – egal ob die Beziehungen zu Faedora und Haledron dann noch bestehen oder nicht. Ich will mir die Option freihalten.

Spätsommer: Haledron und ich verbringen inzwischen ein Mal in der Woche einen Abend miteinander. Faedora und ich ca. ein Mal in zwei Wochen. Ungefähr ein Mal im Monat verbringen wir ein Date zu dritt. Ansonsten sehen wir einander auf zwei bis drei monatlich stattfindenden Veranstaltungen. Wir haben gemeinsame Projekte, einen gemeinsamen Freundeskreis und stehen fast täglich im Kontakt. Wir reflektieren über den Begriff “Geliebte” und ersetzen ihn durch “Partner*in”. Faedora und Haledron lassen mehrere Regeln fallen. Faedora kann sich eine andere Wohnsituation als alleine mit Haledron zusammenzuwohnen nicht vorstellen. Auch Kinder kann sie sich nur mit ihm vorstellen.

Herbst: Ich realisiere, dass ich räumlich sehr weit von Faedora und Haledron entfernt wäre, wenn ich weiterhin in meiner Wohnung wohnen werde, während Faedora und Haledron Kinder bekommen. Es fühlt sich schmerzhaft für mich an, mir vorzustellen, nicht involviert zu sein und dadurch vielleicht an Nähe und Tiefe in den Beziehungen mit den beiden zu verlieren. Kinder nehmen schließlich viel Zeit in Anspruch und machen räumlich träge. Ich habe meine erste innere Krise, weil ich gerne näher bei Faedora und Haledron leben würde und mich durch die derzeitige unflexible Wohnsituation ausgeschlossen und vor fixe Tatsachen und Grenzen gestellt fühle. Ich äußere mein Unbehagen nur zögerlich und stückweise, da ich befürchte, dass sich Faedora unter Druck gesetzt fühlen könnte. Haledron fürchtet sich davor, was passieren würde, wenn Faedora und ich einen Konflikt haben. Wir vereinbaren, dass unsere individuellen Beziehungen bestehen bleiben, auch wenn es zwischen Teilen des Polyküls zu Konflikten käme. Ich sage Faedora, dass ich gerne mitverantwortlich wäre, oder zumindest gerne räumlich nahe wäre, wenn Faedora ein Kind auf die Welt bringt. Faedora macht sich Gedanken zu ihrer Vorstellung von Paarbeziehung und Familie.

2016

Frühling: Ich realisiere: “Von nichts kommt nichts” – wenn alle brav verhüten und ihren Fokus auf ihre Jobs richten, wird nichts in Richtung Familienplanung passieren.

Ich spreche daraufhin mit Tiriliamel, Faemora, Faedora und Haledron jeweils bei meinen Dates über das Thema Zukunftsplanung und versuche einen Überblick zu bekommen: Was sind die derzeitigen Vorstellungen bzgl. Wohnen und bzgl. Kindern und Erziehungsverantwortung: Wer kann sich welche Wohnsituation (WG mit oder ohne Partner*innen, living apart, minimale und maximal Personenanzahl pro Wohnung…) vorstellen? Wer kann sich gerade Kindererziehung mit wem vorstellen? Ergebnis: Tiriliamel ist glücklich in seiner WG und hat es nicht eilig, etwas an seiner Wohnsituation zu ändern. Die Jobsituation von Faemora macht es ihr schwer, sich Wohnen in einer Wohnung statt einem LKW vorzustellen. Würde sie schwanger werden, würde sie weiterhin im LKW wohnen. Haledron sagt, er hätte zunehmend gerne, dass ich auch in der Nähe von ihm wohne und spontanes Sehen dadurch möglich wird. Faedora hätte gerne, dass ich in der Nähe wohne und eingebunden bin, falls sie Kinder bekommt. Haledron möchte nicht alleine mit Faedora Kinder haben.

Sommer: Ich werde innerlich immer unruhiger, weil ich den Eindruck habe, dass ich die einzige bin, die sich aktiv mit dem Thema Wohnen und Poly-Familienplanung beschäftigt. Ich werde immer unzufriedener damit, alleine zu wohnen und es drängt mich, das Thema mehr auf den Tisch zu bringen.

Herbst: Faedoras beste Freundin wird schwanger, obwohl sie erst seit ein paar Monaten mit ihrem neuen Freund zusammen ist. Mir platzt daraufhin der Kragen und ich rede mit Faedora darüber, dass ich mich mit meinen Zukunftssorgen alleine fühle. Faedora sagt, dass sie auch laufend darüber nachdenkt. Das erleichtert mich. Wir beide entscheiden, dass wir das Thema nun so dringlich sehen wollen, als wäre eine von uns schwanger. Ich bin dennoch wütend darüber, dass ich (meiner Ansicht nach) mehr Initiative zeige und glaube, den anderen “nachrennen” zu müssen. Im Nachhinein wird mir durch Gespräche mit den beiden bewusst, wie viel sich in der Zwischenzeit getan hat und wie viel die beiden an emotionaler Arbeit miteinander geleistet haben, um ihre bisherigen Pläne fallen zu lassen und Platz für neue, besonders auch für meine Vorstellungen zu schaffen.

Ich realisiere, dass ich künftig früher über meine Gefühle und Wünsche reden muss, bevor sie sich so anstauen. Wir vereinbaren, dass wir monatliche “Zukunftsflausch”-Gespräche haben, um in den Gestaltungsfragen weiterzukommen.

Winter: Wer hat welche Bedürfnisse und welche Grenzen bezüglich Wohnen: Welchen Raumbedarf hat wer, welche Wohnformen sind vorstellbar, wofür soll Platz da sein, wer sind die Beteiligten?

2017

Jänner: Wer möchte wie bald ein Kind auf die Welt bringen und wer möchte wie lang in Karenz gehen und welche Auswirkungen hätte welches Szenario auf die Finanzen (Einkommensausfall)? Ich lese ein Buch über Poly & Schwangerschaft und eines über Poly & Wohnen.

Februar: Faedora, Haledron und ich erstellen einen finanziellen Überblick über die jeweiligen persönlichen Einkünfte und Ausgaben. Ich recherchiere Wohnkosten in verschiedenen Wohnbauten in der Gegend, in der Faedora und Haledron leben. Wir entscheiden uns, dass wir zwei Monate miteinander Probewohnen werden.

Wir berechnen, ob es sich finanziell ausginge, zwei Wohnungen in unmittelbarer Nähe voneinander zu mieten, die funktionell aufgeteilt sind und genug Platz für uns drei, Beziehungspartner*innen und Kinder bieten. Es scheint machbar, jedoch mit hohem Investitionsaufwand und finanzieller Co-Abhängigkeit verbunden.

März: Wir reden über unsere jeweiligen Einstellungen und Ängste bezüglich Geld. Frist-Setzung: Wir wollen bis 15. Oktober 2017 entscheiden, ob wir zusammenziehen und wenn ja auf welche Art.

Haledron erstellt mehrere Rechenmodelle auf der Basis dessen, welche Kostenaufteilungsschemata im Buch über Poly & Wohnen dargestellt werden. Dadurch können wir uns ausrechnen, welche Kostenaufteilung bei welchem Einkommen oder Einkommensausfall sich wie auswirken würde und welche Wohnaufteilung dadurch möglich ist: Wie viele Wohnungen mit wie vielen Zimmern können wir uns leisten?

Juni: Ich nutze das PAN E.V. Treffen um andere Eltern zu fragen, wie sie mit Karenzsituationen, finanzieller Abhängigkeit und Haushaltseinkommen umgegangen sind. Ich erkenne meine Ängste und bearbeite sie.

Juli und August: In mehreren Gesprächen wird durchgerechnet, welches Haushaltsausgaben-Abrechnungsmodell allen am meisten Sparpotenzial ermöglicht und wer welche Einstellung zu Geld hat.

Faedora und ich haben Sorge, dass wir unterschiedliche Auffassungen davon haben, wieviel Zeit jedes Elternteil mit dem Kind und der Familie verbringen sollte und wie viel Gestaltungsspielraum jede*r haben kann.

Ich fühle mich unwohl damit, immer um Zutritt bitten zu müssen und bitte unabhängig von der Wohn-Entscheidung um einen eigenen Wohnungsschlüssel für die Wohnung von Faedora und Haledron, damit ich spontan hinkommen kann und zu anderen Uhrzeiten die Wohnung verlassen kann, als die beiden. Beide sind einverstanden und kurz darauf habe ich einen Schlüssel und fühle mich weniger als Gast.

September: Faedora, Haledron und ich rechnen uns jeweils aus, wer am liebsten wieviel Zeit für Beziehungen, Weiterbildung, Sport und sich selbst hätte. Wir machen einen Modell-Kalender. In diesem tragen wir die jeweils berechneten Zeitfenster und Betreuungswünsche ein. Beim Test sehen wir, dass es sich ausgehen könnte, dass jede*r von uns dreien genug Zeit mit Kind verbringt und auch Freizeit und Beziehungszeit Platz haben.

Oktober: Die Frist ist vorbei. Jede*r hat seine/ihre Antwort auf einen kleinen Zettel geschrieben. Beim Küchentisch versammelt verkünden wir uns gegenseitig, dass wir uns für’s Zusammenwohnen mit Kind(ern) entschieden haben. Auch äußert jede einen konstruktiven Wunsch für’s Zusammenleben. Wir stoßen feierlich darauf an.

Den Rest des Jahres verbringen wir damit, Kästen und ein größeres Bett zu kaufen, auszumisten und umzuräumen, damit in der Wohnung von Faedora und Haledron auch Platz für meine Sachen geschaffen wird.

2018

Frühling: Ich miste in meiner Wohnung aus und schlafe zwei bis drei Mal pro Woche in der nun gemeinsam bewohnten Wohnung. Zeitgleich halten wir Ausschau nach Wohnungen, die leistbar und in 5-7 Minuten Gehdistanz zur Wohnung von Faedora und Haledron liegen.

Sommer: Eine Wohnung ist gefunden. Wir rechnen nochmal alles durch, samt Renovierungskosten und Einrichtungskosten. Alles muss schnell besprochen werden, denn die Zeit bis zur Zusage ist knapp. Wir entscheiden uns dafür, obwohl wir lieber eine noch näher liegende Wohnung bekommen hätten, denn es war unklar, wie lange es noch dauern würde, bis wir eine solche finden würden. Nun beginnt der große Umzug. Meine aufgeräumte, groß wirkende Wohnung wird in ca. 70 Ikea-Umzugskartons umgeschlichtet und teils gespendet und teils in die zwei Wohnungen gebracht. Für mich ist es eine emotional sehr aufwühlende Zeit, denn die eigene Wohnung aufzugeben ist auch schmerzhaft und mit Ängsten verbunden.

Herbst: Ich renoviere meine alte Wohnung und übergebe sie. Die Wohnungen sind weitestgehend fertig umgestaltet, einige Kartons warten noch geduldig darauf, ausgepackt zu werden. Ich lebe mich immer mehr ein. Die neue Wohnung findet auch bei Tirilliamel und anderen Lieben von uns gefallen – nicht zuletzt aufgrund des tollen Ausblicks.

Nun wird das Kinderzimmer geplant und mit der Kinderplanung begonnen. Neugierig, wie es weitergeht? Im Artikel über die längsten Wochen erfährst du mehr 🙂

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