7 Strategien aus 7 Jahren

Im Jahr 2017 hatte ich mein “7 Jahre polyamor” Jubiläum. In diesen Jahren habe ich viele Strategien gesammelt, 7 davon will ich hier mit dir teilen.

  1. Strategie: Keine Zukunftsprognosen über Gefühle und Begehren

Der ersten Fehler, den ich gemacht habe war, dass ich versucht habe jemandem zu versprechen, dass ich mich nicht in Person A verlieben werde. Das mache ich jetzt nicht mehr. Ich sage nicht mehr, dass ich mich in jemanden nie verlieben werde, oder nie mit der Person sexuell intim sein werde.

Und ich glaube niemandem, dass er*sie sich wirklich nie in Person B verlieben wird, auch wenn er*sie*es es mir versichert. Wenn mir jemand sagt “Sie ist ganz nett, aber ich glaub nicht, dass ich mit ihr Sex haben wollen werde”. Dann füge ich in Gedanken immer hinzu: “… – bis jetzt zumindest. Das kann sich noch ändern.”

Warum? Nicht, weil ich misstrauisch bin, sondern weil weder ich noch sonst irgendwer die Zukunft kennt. Interessanter ist herauszufinden, warum das gerade wichtig war auszusprechen. Ich frage daher, warum mein Herzensmensch mir das gerade sagen/versichern will. Ob er*sie sich selbst davon überzeugen will, oder ob die Sorge da ist, dass ich eifersüchtig werden könnte.

  1. Strategie: Flexibilität statt Starrheit

Ich hab mich entschieden, dass es mir wichtiger ist, eine flexible Beziehungsstruktur zu pflegen die sich an die Personen, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen anpasst, anstatt zu sagen, dass die Beziehung so bleiben muss. Denn ich kann ja nicht wissen, ob es das beste für die Person ist, mit mir zusammen zu bleiben. Es könnte auch sein, dass sie irgendwann einen Menschen kennenlernt, der besser zu ihr passt. Oder vielleicht unterscheiden wir uns irgendwann so stark in unseren Einstellungen, dass es nicht mehr geht, miteinander eine Beziehung zu führen. Sehe ich es als Betrug, wenn sie mich verlässt, oder wir “nur” mehr befreundet sind? Nein. Ich sehe es als Loyalitätsbeweis, dass sie mir ehrlich sagt, was los ist und mich darum bittet etwas zu ändern. Ist es emotional herausfordernd? Ja. Empfinde ich Trennungsschmerz? Ja! Bin ich trotzdem dankbar? Ja. Mir ist es lieber, die Person ist glücklich in einer veränderten Beziehungssituation, als sie ist unglücklich in einem starren Beziehungsstatus, nur weil wir uns das irgendwann so versprochen haben. Es ist für mich auch ein Ausdruck von Liebe, Ehrlichkeit und Treue sich und den anderen gegenüber, wenn man mit Partner*innen nicht aus Pflichtgefühl zusammen ist oder aus Angst vor Schuldgefühlen. Mir dessen bewusst zu bleiben, dass ich die Dinge so sehe, ist extrem praktisch, um zu evaluieren, ob etwas für mich moralisch in Ordnung ist oder nicht.

Meine Erkenntnis daraus: Ich verspreche nicht, Hauptbezugsperson von jemandem zu sein oder zu bleiben. Ich verspreche auch nicht, “Secondary” bzw. Nebengschichtl zu sein oder zu bleiben. Was kann ich stattdessen versprechen? Dass ich die Beziehungen aktiv pflegen werde und es so früh wie möglich kommuniziere, wenn sich an meinen Gefühlen und Motivationen etwas ändert. Ich kann nämlich nicht wissen, was die Zukunft bringt. Ich kann nicht wissen, wer für mich in der Zukunft emotional wichtig sein wird oder sexuell anziehend sein wird. Ich gebe nur Versprechen ab, die ich halten kann.

  1. Strategie: Nicht zwei Dates zu knapp hintereinander

Wenn ich mich zuerst mit Person A treffe, und gleich danach mit Person B, können viele Sachen schief gehen. Es kann sein, dass ein Date länger dauert als geplant, oder ich danach müde, traurig oder noch total überdreht sein werde und dann Schwierigkeiten habe, Person B die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Das mag vielleicht einmal passieren und nicht so schlimm sein, aber wenn sowas öfter vorkommt, ist Unzufriedenheit vorprogrammiert. Daher ist meine Strategie: Nur ein Date pro Tag. Wenn ich weiß, dass mich ein Treffen am nächsten Tag noch sehr beschäftigen wird, dann lasse ich genügend Tage dazwischen frei, um an dem Tag, wo ich eine andere Person sehe, bei dieser Person aufmerksam und einfühlsam sein kann.

  1. Strategie: Zeit für mich selbst planen

Irgendwann habe ich begriffen: Die Beziehung zu mir selbst ist mindestens genauso wichtig wie alle anderen Beziehungen. Ich plane inzwischen nicht nur Zeit mit meinen Lieben, sondern trage mir im Kalender ein, wann ich Zeit mit mir alleine verbringen werde. Diese Zeit wird sonst leicht von anderen Terminen weggefressen.

  1. Strategie: Besorgnis erst aussprechen, wenn die andere Person zuhören kann und will

Manchmal ist es so, dass sich eine*r meiner Lieben in jemanden verliebt, bei dem/der ich mir Sorgen mache. Dabei geht es nicht um Sorgen wie: “Ich hab Angst, dass du keine Zeit mehr für mich haben wirst”, sondern um Sorgen wie: “Ich hab Angst um deine emotionale und/oder körperliche Unversehrtheit, weil mir schon bevor du dich angefangen hast für sie zu interessieren, dies oder jenes aufgefallen ist, bei der Person”. Jetzt ist es vielleicht nicht so toll, wenn ich das genau dann sage, wenn mein*e Liebste*r gerade eben mit dieser Person intensive sinnliche Erfahrungen hatte oder müde ist. Da hab ich schon einige Fehler gemacht. Ich habe mir daher nun mit meinen Lieben ausgemacht, wann ein guter Zeitpunkt ist, um darüber zu sprechen. Nennen wir mal meinen Herzensmenschen “Blubb” und die neue Person “Pommel”. Meine Strategie ist nun, dass ich es Blubb nicht am gleichen Abend sage, an dem Blubb gerade Pommel kennengelernt hat und emotional aufgewühlt ist. Stattdessen frage ich Blubb am darauffolgenden oder übernächsten Tag, ob ich mit Blubb über Pommel reden kann und wenn ja, dass Blubb auf mich zukommen soll, wenn Blubb dafür offen ist. Dann kann Blubb sich entscheiden, ob Blubb es wissen will was ich mir denke, und wenn ja, wann Blubb offen dafür ist. In weiterer Folge kann Blubb dann entscheiden, was Blubb mit meinen Gedanken zu dem Thema macht.

  1. Strategie: Ich bespreche auch die Kleinigkeiten.

Die vielen Kleinigkeiten sammeln sich sonst mit der Zeit an. Kleinigkeiten können beispielsweise sein: Verwendet man die gleiche oder lieber getrennte Bettwäsche für verschiedene Beziehungskonstellationen? Wo kommt nach dem Date die Bettwäsche hin? Kondome sichtbar/unsichtbar wegwerfen? Handynachrichten während Date-Zeit lesen und beantworten? Gibt es Grenzen bezüglich dessen, was auf Facebook gepostet wird?

Mein Richtwert ist im Zweifelsfall: Wenn ich Angst davor habe, etwas auszusprechen oder anzusprechen, dann tu ich es erst recht, weil dann weiß ich, dass es mir eigentlich wichtig ist, weil es mir sonst später Probleme bereitet.

  1. Strategie: Kommunikations-Tools sammeln

Damit meine ich nicht nur: Sätze mit “Ich” anfangen und dergleichen. Ich meine auch, dass ich z.B. bevor ich jemanden anschuldige, mich selber frage: Stimmt es wirklich, was ich da sagen will, oder was will ich mit dem Gesagten eigentlich erreichen? Ist meine Aussage gerade fair, oder verstecke ich dahinter ein unausgesprochenes Bedürfnis? Wenn ich dann die Klarheit erlangt habe, was ich wirklich kommunizieren will, dann überlege ich mir: Kann ich das so formulieren, dass ich die Verantwortung übernehme und mein verstecktes Bedürfnis auch mutig ausspreche? Beziehungsgespräche zu planen, macht für mich sehr viel Sinn, weil ich viele Probleme im Vorhinein schon lösen kann und die tatsächliche Kommunikation mir dann leichter fällt. Ich mache mir z.B. auch aus, dass ich an einem bestimmten Tag ein Beziehungsgespräch führen möchte und bitte die andere Person, dass sie sich auch überlegt, was es ihrer Meinung nach zu besprechen gibt. Das ist wesentlich angenehmer, als zwischen Tür und Angel einander genervt anzumotzen oder unvorbereitet mit etwas konfrontiert zu werden, obwohl man gerade lieber kuscheln und Film-Schauen wollte. Klar kann es spontane Beziehungsgespräche geben. Aber nicht nur spontan zu sein, sondern auch Gespräche für einen Zeitpunkt zu planen wenn beide/alle sich darauf eingestellt haben, kann sehr produktiv sein.

Außerdem gibt es Tools, die als Formeln oder Baukästen gestaltet sind, wie die “Difficult Conversation Formula” von Reid Mihalko: “Es gibt ein paar Sachen, die ich dir noch nicht gesagt habe. Der Grund, warum ich sie dir nicht gesagt habe, ist, dass ich folgende Ängste habe: …. Der Grund, warum ich sie dir sage und was ich gerne mit dem Aussprechen erreichen möchte, ist…… Was ich dir sagen will, ist: …… Danke, dass du mir zugehört hast. Falls es etwas gibt, was du mir gerne mitteilen möchtest, bin ich dir dankbar, wenn du mir das mitteilst.” Das hört sich etwas sperrig an, aber es ist sehr hilfreich und mit Übung fällt es immer leichter.

Weiters praktisch: Wissen, was die Liebessprache und was die Sprache des Entschuldigen ist (nach Gary Chapman), und direkte Kommunikation statt Dreieckskommunikation üben (siehe Franklin Veaux und Eve Rickart “More Than Two” 2014, Seite 99). Ein Zeitlimit im Vorhinein auszumachen bewahrt mich davor, dass Gespräche nächtelang dauern, wo alles nur mehr zerredet werden oder sich im Kreis drehen würde. Das wichtigste ist zu akzeptieren, dass nicht alles sofort gelöst werden muss und prinzipiell offen zu sein, die anderen zu verstehen.

Das waren die 7 Strategien, die für mich in den letzten Jahren praktisch waren. Ich hoffe, es war etwas für dich dabei!


Liste von Ressourcen

Falls du weiter schmökern möchtest, kannst du hier damit anfangen!

Deutsch:

Polyversum:

Englisch:

Reid Mihalko:

Cathy Vartuly:

Gary Chapman:

Multiamory Podcast:

Kimchi Cuddles Cartoon:

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Über freudenweide

Bin am liebsten kreativ, produktiv und konstruktiv, gerne analytisch denkend ~ liebe das Wort „sinnvoll‟ ~ bin fürsorglich ~ brauche es immer schön warm ~ bin sehr verkuschelt ~ habe keinen eigenen Kleidungsstil ~ bin immer auf der Suche nach Freiheit und Geborgenheit... und ich liebe Smileys :) Ich bin pansexuell, genderqueer und bevorzuge die Pronomen "sie" oder "er", lebe in polyamoren Beziehungen und wohne seit längerem in Wien.
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2 Antworten zu 7 Strategien aus 7 Jahren

  1. Sookie Hell schreibt:

    Ihr Lieben, ungelogen, ich hab mich so in euren Artikel verliebt, ich musste ihn einfach rebloggen, damit meine Leser ihn auch finden! Danke dafür! 🙂

    http://beziehungsstatus-romane.de/kaffepause-im-blog-das-polyversum/

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