Die Darstellung von Polyamorie und der Männerzentrismus der Medien. Ein Versuch, die aktuelle Situation zu schildern.

In den vergangenen Jahren habe ich viele  Artikel gelesen und Sendungen angeschaut, in denen Polyamorie besprochen wurde. Ich bin selbst interviewt worden, und hatte auch Kontakt mit Journalist*innen, die über Polyamorie berichten wollten und habe ihre Interviewgesuche weitergeleitet. Ich möchte hier nun einige Erfahrungen und Beobachtungen schildern.

Leider sind die Medienberichte oft  männerzentriert. Das ist nicht nur für mich sehr ärgerlich: Es wird auch in Gesprächen (die Großteils offline stattfinden) in den Poly-Szenen und Polykülen heftig diskutiert. Beim Abendessen mit Freund*innen oder auf Parties werden die neuesten medialen Darstellungen besprochen. Neuerdings finden sich auch immer wieder Artikel, in denen die Poly-Szene dafür kritisiert wird, dass die mediale Darstellung von Polyamorie männerzentriert ist, und wenig Diversität hinsichtlich Gender, Herkunft, sexueller Orientierung, etc. abbildet, und auch Personen innerhalb der Poly-Szene bemängeln das, und das zu Recht.

Was für Außenstehende leider wenig sichtbar ist: Es gibt Menschen, die sich eigentlich sehr bemühen, dem Männerzentrismus und der Vereinheitlichung und Normierung des Bildes von Polyamorie in den Medien entgegenzuwirken. Ich möchte daher nun ein paar Infos und Erfahrungen teilen, die erläutern, welche Herausforderungen es gerade gibt. Ich habe folgende Hoffnung: Je mehr Personen wissen, was die Schwierigkeiten sind, desto mehr Menschen werden Ressourcen und bessere Strategien im Umgang mit den Medien entwickeln (siehe weiter unten).

Darstellung der Schwierigkeiten

Problem 1: Journalist*innen sind nicht immer feministisch (im Sinne von Gleichberechtigung und den gleichen Platz in der Gesellschaft unabhängig von Geschlecht haben).

Das hat einen Einfluss darauf, wer um Interviews gebeten wird, welche Forschung zitiert wird, welche Bilder für die Zeitungsbeiträge gewählt werden, und das Gesagte wird teilweise umgedeutet. Wenn etwas zu politisch wird, wird es rausgeschnitten.

Beispiel 1:
Eine Frau hat mal einen ganzen Tag vor der Kamera gestanden und eine der Begründungen warum sie in der Doku wenig zu Wort kam war, dass ihre Sätze zu lang waren – und dass die Sendung sonst zu frauenlastig gewesen wäre. Wie oft ist es umgekehrt gar kein Problem, eine Sendung mit ausschließlich Männern zu haben?

Beispiel 2:
In einem Artikel, der in einem sogar eher links orientierten Blatt veröffentlicht wurde, kommen sechs Männerstimmen zu Wort, und nur eine Frauenstimme. Es wird dort ein Wissenschaftler zitiert, der noch nichts über Polyamorie veröffentlicht hat, wohingegen die Forschung von zwei anderen Wissenschaftlerinnen, die unabhängig voneinander publiziert haben, nicht erwähnt wird. In der Darstellung der Poly-Szene wehrt sich ein Organisator von Poly-Events, als führende Persönlichkeit in der Poly-Szene dargestellt zu werden, doch im gleichen Artikel wird er von den Autoren noch zum Hirten deklariert. Dass es auch Frauen gibt, die Poly-Events organisieren und Polyamorie beforschen, wird von den Journalisten verschwiegen. Dass Frauen “übersehen” werden, zeugt von mangelndem feministischem/geschlechteregalitärem Engagement.

Problem 2: Keine/mangelnde Kontrolle über das Endprodukt:

Journalist*innen schneiden nach Belieben und der*die Interviewte hat Glück, wenn er*sie das Produkt vor Ausstrahlung sehen kann. Meist wird nach dem Interview keine Mitsprache hinsichtlich der Darstellung ermöglicht.

Problem 3: Medien-Unerfahrenheit von Interviewten und mangelndes Feedback

Es gibt kein PR-Training für Polys. Polys sind gerade dabei, die nötigen Erfahrungen zu machen, auf deren Basis bewusster gehandelt/dargestellt/gesteuert werden kann. Es gibt noch wenig große öffentlichen Diskussionen in diesem kleinen Poly-Gesprächsraum, weil sich sonst keine Person mehr in die Medien trauen wird, wenn jetzt schon die oft nicht mal selbst verschuldeten „Fehler“ öffentlich hervorgehoben/angeprangert werden. Eine gewisse Fehlertoleranz ist in jedem Lernprozess nötig :). Tirilliamel und ich haben nun begonnen, eine Checkliste zu erstellen mit Tipps, um sich vor falscher Darstellung zu schützen und sich bestmöglich auf Interviews vorzubereiten. Sobald diese Checkliste erstellt ist, wird sie hier auf dem Blog, auf polyamory.at und in diversen Facebook-Gruppen veröffentlicht werden, damit möglichst viele Personen diese Ressource kennen.

Problem 4: Die Journalist*innen wollen ihr Publikum nicht überfordern und verschweigen dadurch Diversität.

Das heißt auch, dass der Intersektionalität (also der Überschneidung mehrerer die soziale Identität und/oder Position eines Menschen beeinflussender Faktoren wie z.B. Alter, mit Hautfarbe assoziierte regionale Herkunft, soziales Geschlecht, etc.) in der Darstellung von Polys kein/wenig Raum gegeben wird. Meine eigene Erfahrung hat gezeigt: Aus einer genderfluiden (also sich mal als Frau, mal als Mann, mal als irgendwo abseits von Genderidentitäten empfindenden) Person wird eine Frau (d.h. Transidentität bekommt keinen Platz), eine bikulturell aufgewachsene Person wird nicht darauf angesprochen (das bewirkt Unsichtbar-Machen von kultureller Diversität), Pansexualität in Bisexualität umbenannt (Marginalisierung von anderen sexuellen Orientierungen).

Problem 5: Sexismus in der Gesellschaft

Wir haben keine Kontrolle über den Sexismus in den Köpfen derer, die uns sehen.

Beispiel 1:
Ein pansexueller Mann erzählt von seinen drei Beziehungen zu in dem Fall derzeit drei Frauen. Ist ja ganz schön an sich und die Frauen haben jeweils auch noch andere Beziehungspartner*innen. Trotzdem kann es in den Köpfen mancher Zuseher*innen sexuelle Fantasien zu mehrt (mit dem Mann im Zentrum der Aufmerksamkeit) hervorrufen, obwohl nie gesagt wurde, dass diese Beziehungspartner*innen jemals miteinander im Bett waren – was ich z.B. auch noch nie erlebt hätte ;).

Beispiel 2:
Ein andermal wurde in einer Doku eine Frau gezeigt, die drei Partner hat und somit die klassische Harems-Assoziation umgedreht wurde, doch ist dies nicht gelungen, da die Schlussszene beinhaltet hat, dass die Frau sich mit allen auf ihr Bett gelegt hat und damit eine Gangbang-Assoziation aufkam, was wiederum gesellschaftlich als erniedrigend gewertet wird, egal ob es so ist oder nicht.

Sprich, die Gesellschaft interpretiert und assoziiert gemäß den bestehenden sexistischen kulturellen Bildern, die sehr hartnäckig sind. Was Polyamorie indirekt machen kann ist die dominanten „romantischen“ und männerzentrierten Erzählungen durch die Darstellung der Vielfältigkeit von Beziehungskonstellationen und -möglichkeiten zu schwächen. Meiner persönlichen Einschätzung nach ist das jedoch ein langwieriger Prozess, der eventuell noch einige Jahrzehnte dauern wird.

Wie geht es weiter?

Es gibt derzeit, soweit ich informiert bin, mehrere Lösungsansätze:

  • Wie oben erwähnt, erstellen Tirilliamel und ich eine Ressource für Polys, die zur Vorbereitung vor Interviews dient.
  • Selbstdarstellung: für Journalist*innen öffentliche Website polyamory.at, dieser Blog (Polyversum) und die Online-Radio-Sendungen des Gspusi-Cast,…
  • Mehr Leser*innenbriefe schreiben, wenn die Zeitungsartikel über Polyamorie zu wünschen übrig lassen.
  • Zwei polyamore Sozialwissenschafterinnen sind interessiert, Artikel über Polyamorie zu schreiben, die als Vorlage/Quelle für Journalist*innen dienen können.
  • Auf polyamory.at einige Beispiele guter Zeitungsartikel/Sendungen über Polyamorie zitieren, damit Journalist*innen sich orientieren können.
  • Ich werde einen Workshop bei der internationalen Konferenz „Non-Monogamies and Contemporary Intimacies“ halten. Thema des Workshops ist, was Journalist*innen und Wissenschafter*innen in ihren Beiträgen nie thematisch abdecken und was zur Verbesserung der Qualität der Darstellung von Polyamorie in den Medien getan werden kann. Darüber werden Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen diskutieren. Die Videos von den Vorträgen und Diskussionen werden online zu finden sein.

Hast du noch andere Ideen? Schreib mir eine Nachricht!

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Über freudenweide

Bin am liebsten kreativ, produktiv und konstruktiv, gerne analytisch denkend ~ liebe das Wort „sinnvoll‟ ~ bin fürsorglich ~ brauche es immer schön warm ~ bin sehr verkuschelt ~ habe keinen eigenen Kleidungsstil ~ bin immer auf der Suche nach Freiheit und Geborgenheit... und ich liebe Smileys :) Ich bin pansexuell, genderqueer und bevorzuge die Pronomen "sie" oder "er", lebe in polyamoren Beziehungen und wohne seit längerem in Wien.
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6 Antworten zu Die Darstellung von Polyamorie und der Männerzentrismus der Medien. Ein Versuch, die aktuelle Situation zu schildern.

  1. Viktor Leberecht schreibt:

    Sehr gelungene Darstellung. In Deutschland versucht ja der PAN, da etwas zu tun. Außerdem hat sich eine kleine FB-Gruppe gebildet, in der einige Polys über die Gründung eines Lobbyvereins diskutieren inklusive Repräsentanz bei Medien. Bis es soweit ist, habe ich erst euch einmal in meine Liste der empfehlenswerten Polyseiten aufgenommen und eben euren Artikel empfohlen https://polyamoriemagazin.de/de/kritik-an-medienberichten-zu-polyamorie-bei-polyversum/.

  2. Viktor Leberecht schreibt:

    Zu Problem 2: Journalisten sind frei in Ihrer Berichterstattung, das ist Teil des Grundrechts auf Pressefreiheit. Insofern kann man sich darüber nicht beklagen. Journalisten müssen uns nicht so darstellen, wie wir uns sehen. Allerdings wird ein/e gut/er Journalist/in zumindest einen Mitschnitt / Abschrift des Interviews zur Verfügung stellen, um Gelegenheit zu geben, evtl. Fehler zu entdecken. Wie das dann verwendet wird, ist aber deren Sache.

    • freudenweide schreibt:

      Hi Viktor! Ich stimme dir zu, dass Journalist*innen uns nicht so darstellen müssen, wie wir uns sehen. Das wird auch gar nicht gehen, da „wir“ Polyamore keine einheitliche Meinung dazu haben, wie Polyamorie dargestellt werden soll. Die Idee, eine Mitschrift oder Abschrift des Interviews zur Verfügung zu stellen, finde ich sehr gut. Vielleicht würden sich manche Journalist*innen darauf einlassen. Vorschlagen könnten wir es ja zumindest mal! Danke übrigens, dass du den Blogbeitrag geteilt hast! LG, Freudenweide

  3. Liebe Freudenweide! Mir geht es ähnlich, weswegen ich viele Anfragen inzwischen ablehne. Wie wäre es, wenn wir uns eine*n Filmemacher*in suchen, und mit *ihr eine freie Doku drehen, so wie wir sie stimmig und sinnvoll finden. Ich habe Ideen dazu. Finanzieren könnten wir es über Crowdfunding… Die verschicken wir dann erst auf Festivals, dann an interessierte Sender und schließlich stellen wir sie ins Netz.
    Liebe Grüße aus Berlin, Christopher

  4. dielenamaria schreibt:

    Hallo! Ich find’s cool, dass du an einer Ressource arbeitest und andere Aktivitäten planst! Ich hatte kürzlich einen Thread auf Twitter dazu geschrieben (ist als „Webseite“ zu diesem Kommentar verlinkt). Vielleicht stehen da ja noch Aspekte drin, die ihr mit aufnehmen mögt? (gerne mit Quellenangabe, aber ohne ist auch ok). Ansonsten glaube ich, der Poly Treff Gießen (?) hatte ebenfalls schonmal eine Handreichung für Interviewer und/oder interviewte. Liebe Grüße, Lena

    • freudenweide schreibt:

      Hi Lena!
      Danke für den tollen Hinweis auf deinen spannenden Twitter-Thread und danke für den Hinweis, dass es in Deutschland ein Poly-Treff gibt, das in diese Richtung schon etwas ausgearbeitet hat! Ich werde mal auf dem nächsten überregionalen Treffen herumfragen. LG, Freudenweide

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